Vente: 612 / Evening Sale 04 décembre 2026 à Munich → Lot 126000961
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126000961
Glenn Ligon
Stranger #71, 2013.
Mixed media
Estimation: € 400,000 / $ 464,000
Les informations sur la commission d´achat, les taxes et le droit de suite sont disponibles quatre semaines avant la vente.
126000961
Glenn Ligon
Stranger #71, 2013.
Mixed media
Estimation: € 400,000 / $ 464,000
Les informations sur la commission d´achat, les taxes et le droit de suite sont disponibles quatre semaines avant la vente.
Glenn Ligon
1960
Stranger #71. 2013.
Mischtechnik. Oil stick und Kohlestaub auf Leinwand.
Verso auf der Leinwand signiert datiert und betitelt. 205,7 x 151,1 cm (80,9 x 59,4 in).
• SCHRIFTBILD Ligon übersetzt Sprache in Malerei und schafft so eine faszinierende Symbiose aus Text und reiner Form.
• MATERIALITÄT Ölstift und schimmernder Kohlestaub verdichten die Oberfläche zu einem bestechenden, reliefartigen Bildkörper.
• LITERARISCH Kraftvolle Verstofflichung von James Baldwins Schlüsselessay "Stranger in the Village" (1953).
• HÖHEPUNKT Entstanden im Anschluss an seine erste große Retrospektive "America" (u. a. Whitney Museum of American Art, New York, 2011/12).
• MONUMENTAL Imposantes Großformat von auratischer Dichte und visueller Intensität.
PROVENIENZ: Thomas Dane Gallery, London.
Privatsammlung (vom Vorgenannten erworben).
1960
Stranger #71. 2013.
Mischtechnik. Oil stick und Kohlestaub auf Leinwand.
Verso auf der Leinwand signiert datiert und betitelt. 205,7 x 151,1 cm (80,9 x 59,4 in).
• SCHRIFTBILD Ligon übersetzt Sprache in Malerei und schafft so eine faszinierende Symbiose aus Text und reiner Form.
• MATERIALITÄT Ölstift und schimmernder Kohlestaub verdichten die Oberfläche zu einem bestechenden, reliefartigen Bildkörper.
• LITERARISCH Kraftvolle Verstofflichung von James Baldwins Schlüsselessay "Stranger in the Village" (1953).
• HÖHEPUNKT Entstanden im Anschluss an seine erste große Retrospektive "America" (u. a. Whitney Museum of American Art, New York, 2011/12).
• MONUMENTAL Imposantes Großformat von auratischer Dichte und visueller Intensität.
PROVENIENZ: Thomas Dane Gallery, London.
Privatsammlung (vom Vorgenannten erworben).
Viele Künstlerinnen und Künstler der modernen und zeitgenössischen Kunstgeschichte setzen sich mit dem geschriebenen Wort auseinander, doch nur wenige erreichen die konzeptionelle Tiefe und visuelle Resonanz von Glenn Ligon. 1960 in der New Yorker Bronx geboren, studiert Ligon an der Wesleyan University, bevor er 1985 am Independent Study Program des Whitney Museums teilnimmt. Womöglich schärft sich Ligons Gespür für geschriebene Sprache während seiner Arbeit als Korrektor für eine Wirtschaftskanzlei, während er zeitgleich seine künstlerische Praxis aufbaut. Zunächst orientiert er sich am Abstrakten Expressionismus, bald jedoch bringt er Text direkt auf die Leinwand. Beim Eintritt in die New Yorker Kunstszene der 1980er Jahre widersetzt sich Ligon der verbreiteten Erwartung, dass Schwarze Künstler schlichte, leicht verdauliche politische Botschaften liefern müssten. Stattdessen wendet er sich wegweisenden afroamerikanischen Autorinnen und Autoren wie Zora Neale Hurston, Ralph Ellison und James Baldwin zu, um zu untersuchen, wie Sprache, Race und Subjektivität auf der Bildfläche materiell ineinandergreifen. Ligon löst die Klarheit der Texte mit einem bewusst taktilen Verfahren auf. Er schabloniert Passagen Buchstabe für Buchstabe mit Ölstift auf die Leinwand. Das zähe Gemisch aus Ölfarbe, Pigment und Wachs lässt die Zeichen nach und nach verschwimmen, während er sich über das Leinen vorarbeitet. Inspiriert von Andy Warhols Einsatz von Diamantstaub greift Ligon zu Kohlestaub, sowohl wegen seiner lichtreflektierenden Eigenschaft als auch wegen seiner vielschichtigen Bedeutungsebenen. Indem er einen industriellen Abfallstoff in ein dichtes, skulpturales Relief überführt, verwandelt Ligon einen oft missachteten Stoff in eine selbstbewusste, würdevolle Oberfläche, die herkömmliche Vorstellungen von Wert und Sichtbarkeit hinterfragt.
"Stranger in the Village": Baldwins Worte verstofflicht
Der Dialog zwischen Literatur und Materialität findet seinen reinsten Ausdruck in "Stranger #71" (2013), einem herausragenden Werk aus Ligons längster Werkreihe, der "Stranger"-Serie, die er 1996 beginnt. Die Serie greift unmittelbar James Baldwins wegweisenden Essay "Stranger in the Village" von 1953 auf. Darin schildert der Autor seine Erfahrung rassistischer Entfremdung in einem abgelegenen Schweizer Bergdorf: "From all available evidence no black man had ever set foot in this tiny Swiss village before I came. I was told before arriving that I would probably be a 'sight' for the village; I took this to mean that people of my complexion were rarely seen in Switzerland, and also that city people are always something of a 'sight' outside of the city. It did not occur to me—possibly because I am an American—that there could be people anywhere who had never seen a Negro." (James Baldwin, Stranger in the Village, Harper's Magazine, Oktober 1953, https://harpers.org/archive/1953/10/stranger-in-the-village; aufgerufen 21.10.2026).
Baldwin beschreibt, wie die Dorfbewohner ihn als fremdartige Kuriosität betrachten, und hält fest: "Some [...] thought my hair was the color of tar [...] or put [their] hand on my hand, astonished that the colour did not rub off." (ebd.) Für Baldwin steht das Dorf beispielhaft für die westliche Zivilisation. An dieser Begegnung untersucht er, wie die europäische imperiale Geschichte und die US-amerikanische White Supremacy den Schwarzen Körper zum exotischen Abstraktum machen, statt ihn als gleichwertige menschliche Präsenz anzuerkennen. In "Stranger #71" übersetzt Ligon dieses Spannungsfeld in reine Farbe und Materie. Die dichte, teerartige Schicht aus Ölfarbe und Kohlestaub verweist unmittelbar darauf, wie Baldwins Erscheinung im Dorf zum bloßen Spektakel reduziert wurde. Indem sich Ligon Baldwins Kernmotive zu eigen macht, verwebt er Fragen von Schwarzer und queerer Identität mit seiner eigenen Position im heutigen Kunstbetrieb.
Zwischen Lesbarkeit und Abstraktion
Im Verlauf der "Stranger"-Bilder bewegt sich Ligon schrittweise weg vom lesbaren Text und hin zu fast vollständiger Abstraktion. Während frühere Arbeiten lesbare Anfangszeilen bewahren, bevor sich diese nach unten hin auflösen, erscheint "Stranger #71" als nahezu undurchdringliches, monochrom anmutendes Feld. Die Passage lässt sich nicht einfach lesen. Betrachtende müssen genau hinsehen und den Konturen der Schablonenschrift, den dicken Erhebungen und dem schwachen Glitzern des Kohlestaubs auf der mattschwarzen Farbe folgen. Sprache bewegt sich hier zwischen Bedeutungsträger und undurchlässiger Barriere. Das Wechselspiel von Lesbarkeit und Verbergen greift Baldwins Kritik daran auf, dass die Gesellschaft Schwarze Leben zu Abstraktionen reduziert. Indem Ligon einen rasch konsumierbaren Text verweigert, zwingt er das Publikum, innezuhalten und die Oberfläche aktiv zu entziffern. So wird der Akt des Betrachtens zur bewussten Freilegung jener Stimmen, die die Geschichte an den Rand gedrängt hat. [KA]
"Stranger in the Village": Baldwins Worte verstofflicht
Der Dialog zwischen Literatur und Materialität findet seinen reinsten Ausdruck in "Stranger #71" (2013), einem herausragenden Werk aus Ligons längster Werkreihe, der "Stranger"-Serie, die er 1996 beginnt. Die Serie greift unmittelbar James Baldwins wegweisenden Essay "Stranger in the Village" von 1953 auf. Darin schildert der Autor seine Erfahrung rassistischer Entfremdung in einem abgelegenen Schweizer Bergdorf: "From all available evidence no black man had ever set foot in this tiny Swiss village before I came. I was told before arriving that I would probably be a 'sight' for the village; I took this to mean that people of my complexion were rarely seen in Switzerland, and also that city people are always something of a 'sight' outside of the city. It did not occur to me—possibly because I am an American—that there could be people anywhere who had never seen a Negro." (James Baldwin, Stranger in the Village, Harper's Magazine, Oktober 1953, https://harpers.org/archive/1953/10/stranger-in-the-village; aufgerufen 21.10.2026).
Baldwin beschreibt, wie die Dorfbewohner ihn als fremdartige Kuriosität betrachten, und hält fest: "Some [...] thought my hair was the color of tar [...] or put [their] hand on my hand, astonished that the colour did not rub off." (ebd.) Für Baldwin steht das Dorf beispielhaft für die westliche Zivilisation. An dieser Begegnung untersucht er, wie die europäische imperiale Geschichte und die US-amerikanische White Supremacy den Schwarzen Körper zum exotischen Abstraktum machen, statt ihn als gleichwertige menschliche Präsenz anzuerkennen. In "Stranger #71" übersetzt Ligon dieses Spannungsfeld in reine Farbe und Materie. Die dichte, teerartige Schicht aus Ölfarbe und Kohlestaub verweist unmittelbar darauf, wie Baldwins Erscheinung im Dorf zum bloßen Spektakel reduziert wurde. Indem sich Ligon Baldwins Kernmotive zu eigen macht, verwebt er Fragen von Schwarzer und queerer Identität mit seiner eigenen Position im heutigen Kunstbetrieb.
Zwischen Lesbarkeit und Abstraktion
Im Verlauf der "Stranger"-Bilder bewegt sich Ligon schrittweise weg vom lesbaren Text und hin zu fast vollständiger Abstraktion. Während frühere Arbeiten lesbare Anfangszeilen bewahren, bevor sich diese nach unten hin auflösen, erscheint "Stranger #71" als nahezu undurchdringliches, monochrom anmutendes Feld. Die Passage lässt sich nicht einfach lesen. Betrachtende müssen genau hinsehen und den Konturen der Schablonenschrift, den dicken Erhebungen und dem schwachen Glitzern des Kohlestaubs auf der mattschwarzen Farbe folgen. Sprache bewegt sich hier zwischen Bedeutungsträger und undurchlässiger Barriere. Das Wechselspiel von Lesbarkeit und Verbergen greift Baldwins Kritik daran auf, dass die Gesellschaft Schwarze Leben zu Abstraktionen reduziert. Indem Ligon einen rasch konsumierbaren Text verweigert, zwingt er das Publikum, innezuhalten und die Oberfläche aktiv zu entziffern. So wird der Akt des Betrachtens zur bewussten Freilegung jener Stimmen, die die Geschichte an den Rand gedrängt hat. [KA]



